Ein Augen-Blick in die Geschichte: Lehrerinnen im Schloss Tinz

Im Juni fuhr die 96-jährige Margarete Seliger im Auto ihrer Tochter auf der A4 an Gera vorbei. Unmittelbar nach der Abfahrt Gera-Langenberg entdeckte sie bei einem kurzen Blick nach rechts die Nordfassade des restaurierten Wasserschlosses Tinz, das nur für einen Bruchteil von Sekunden zu sehen war. Sofort fiel ihr wieder die Zeit vor über 80 Jahren ein, die sie dort verbrachte.

Frau Seliger besuchte von 1942 bis zum Kriegsende im April 1945 die Thüringer Lehrerinnenbildungsanstalt im Tinzer Schloss. Über diese Bildungseinrichtung ist in Gera nur wenig bekannt. Ursprünglich während des 2. Weltkrieges 1941 in Lehesten in den Räumen der dortigen und noch heute bestehenden Dachdeckerschule gegründet, wurde sie noch im gleichen Jahr nach Gera verlegt, da man in Lehesten die Räume für die Unterbringung von Zwangsarbeitern für die Rüstungsindustrie benötigte.

Die Tochter Ulrike Schmidt trat in Kontakt mit der Dualen Hochschule Gera-Eisenach (DHGE) und so fand am 8. Oktober 2022 ein Besuch mit elf Verwandten, von Enkeln bis Urenkeln, statt. Prof. Peter Bussemer von der DHGE führte mehr als zwei Stunden die sehr interessierten Gäste aus Dresden und Jena durch das denkmalsgerecht restaurierte Tinzer Schloss, das als einziges in Reuß jüngerer Linie im Krieg unzerstört blieb. Frau Seliger erinnerte sich, dass sie im Festsaal, der heutigen Bibliothek, kulturelle Veranstaltungen auf dem Klavier begleitete und Gedichte rezitierte. Auf der Suche nach den ehemaligen Wohn- und Schlafräumen der Mädchen, scheute sie auch nicht die Mühe des Treppensteigens bis zum Dachboden mit der herrlichen Sicht auf die Stadt. Die Wassergräben mit den beiden erhaltenen Brücken sind ihr noch in Erinnerung, ebenso der in den 1960er Jahren zugeschüttete Schlossteich, in dem sie badete.

Frau Seliger arbeitete nach Kriegsende als Deutschlehrerin. Der Grundstock ihres Berufes wurde im Tinzer Schloss gelegt; diese Zeit bezeichnet sie trotz der Kriegsjahre als eine sehr glückliche. Ihre jüngeren Verwandten interessierten sich besonders für das duale Ausbildungskonzept der Hochschule, so dass die Führung mit einer Studienberatung ausklang. Damit schließt sich der historische Bogen in der Geschichte des Wasserschlosses Tinz als „Ort wissenschaftlicher und kultureller Weiterbildung“ in der vor über 100 Jahren gegründeten Heimvolkshochschule, bereichert um die Lehrerinnenbildungsanstalt während des Krieges, zur 2016 gegründeten Dualen Hochschule Gera-Eisenach.

 

Frau Margarete Seliger
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Frau Margarete Seliger

Margarete Seliger